Im Fußball gibt es keine Fehlentscheidungen durch Schiedsrichter

Eine philosophische Betrachtung der Begrifflichkeit "Schiedsrichter Fehlentscheidung"

Mit dieser - absichtlich - etwas provokant gewählten Formulierung in der Überschrift möchten wir auf eine Besonderheit bei Schiedsrichterentscheidungen aufmerksam machen, die offenbar nur wenig bekannt ist. Vielleicht ist es uns dadurch möglich, etwas Aufklärungsarbeit darüber zu leisten, was letztendlich der Begriff der "Tatsachenentscheidung" bedeutet.

Per Definition gibt es bei einem Fußballspiel nur richtige Entscheidungen oder Regelverstöße durch den Schiedsrichter. Dabei liegt der Gedankenfehler Vieler oftmals in einem weitestgehend unbekanntem Detail.

Die Entscheidungsfindung eines Fußballschiedsrichters ist ein Prozess, bei dem der letztendlichen Entscheidung einige Dinge vorgelagert sind, durch die der Begriff "Fehlentscheidung" zu einer falschen Bezeichnung dessen wird, was Zuschauer und Spieler wahrnehmen.

Eine Entscheidung eines Schiedsrichters läuft immer nach folgendem Schema ab:

  1. Wahrnehmung einer Situation
  2. Beurteilung einer Situation und Feststellung einer Tatsache
  3. Entscheidung und Regelanwendung
  4. Regelumsetzung

In der Folge gehen wir einmal auf die einzelnen Punkte etwas konkreter ein.

1. Wahrnehmung einer Situation

Grundvoraussetzung für jede Schiedsrichterentscheidung ist, dass er eine Situation überhaupt wahrnimmt. Das leuchtet jedem sofort ein, wird aber gerne in der Berichterstattung vergessen. Die Eigenschaften des Fußballspiels an sich, sowie die eines jeden Menschen schließen es aus, dass der Schiedsrichter permanent jede Situation in seinem Wahrnehmungsbereich hat. Auch die Distanz zum Geschehen ändert nichts an dieser Tatsache.

Was der Schiedsrichter oder einer der Assistenten nicht wahrnimmt darf nach Regelwerk nicht bewertet werden. Selbst wenn es das gesamte Stadion gesehen hat. Klassiker sind hierbei z.B. alle Aktionen im Rücken des Schiedsrichters oder ein durch andere Spieler verdecktes Handspiel. Zusätzlich darf der Schiedsrichter auch keine Vermutungen über einen Vorgang anstellen, auch wenn diese noch so offensichtlich erscheinen.

Was der Schiedsrichter nicht wahrnimmt hat nicht stattgefunden. Damit liegt aber in diesem Fall keine Fehlentscheidung vor, sondern ein vom Regelwerk vorgegebenes Kriterium zur Entscheidungsfindung, welches jedwede Situationsbewertung und Entscheidung eines Schiedsrichters von vorneherein verbietet.

2. Beurteilung einer Situation und Bewertung

Nachdem der Schiedsrichter eine Situation wahrgenommen hat muss er sie beurteilen. Dabei darf er aber auch nur das beurteilen, was er selbst oder seine Assistenten wahrgenommen haben. Herausforderung dabei ist, dass eine Situation aus unterschiedlichen Perspektiven völlig anders aussehen kann.

Die Wahrnehmung eines Menschen ist immer subjektiv und kann damit per Definition nicht falsch sein, sondern nur anders als die Wahrnehmung Anderer. Damit kann aber auch niemals eine Entscheidung falsch sein, die auf der Grundlage dieser Wahrnehmung getroffen wird, wenn der Schiedsrichter sie logisch richtig aus der Wahrnehmung ableitet.

Dazu ein Alltagsbeispiel:

Wenn ich eine falsche Landkarte habe, ist die Entscheidung einem bestimmtem Weg zu folgen logisch richtig, auch wenn dieser letzten Endes nicht zum Ziel führt. Dies klingt zunächst Paradox. Streng der Logik von Entscheidungsprozessen folgend, ist es das aber nicht. Dass die Entscheidung auf einer falschen Annahme beruht ändert nichts daran, dass die eigentliche Entscheidung in Ableitung auf diese Annahme dennoch richtig ist, weil gemäß der verfügbaren Informationen der eingeschlagene Weg zum Ziel führen sollte. Es ist also nicht die Entscheidung, die nicht zum Ziel führt, sondern die unzureichenden Informationen der Landkarte. Eine andere Entscheidung als dem auf der Karte eingezeichnetem Weg zu folgen wäre mit den zur Verfügung stehenden Informationen unlogisch.

Mit der Beurteilung der Wahrnehmung wird die Wahrnehmung des Schiedsrichters per Regeldefinition zu einer Tatsache und somit zum einzig richtigen Ablauf der Geschehnisse auf dem Fußballfeld. Bei einem Fußballspiel gibt es immer viele Wahrheiten. Es darf aber immer nur eine Wahrheit geben, die den weiteren Spielverlauf bestimmt und diese entspricht nach Regelwerk nun einmal immer der Wahrnehmung des Schiedsrichters.

MIt der Beurteilung seiner - wohlgemerkt - subjektiven Wahrnehmung stellt der Schiedsrichter den tatsächlichen Verlauf einer Situation als einzig wahres Faktum fest.

3. Entscheidung und Regelanwendung

Auf der Basis dieser als einzig wahren Fakt festgestellten Tatsache trifft der Schiedsrichter nun eine Entscheidung. Umgangssprachlich wird an dieser Stelle oft von der Tatsachenentscheidung gesprochen, ohne sich dabei der wirklichen Hintergründe und Unzulänglichkeiten der Tatsachenfeststellung überhaupt bewusst zu sein.

Wenn nun die Ableitung aus den festgestellten Tatsachen korrekt ist und die Fußball-Regeln richtig angewendet werden, kommt der Schiedsrichter immer zu einer korrekten Entscheidung die zur festgestellten Tatsache passt. Das andere - ebenfalls subjektive - Wahrnehmungen dabei zu anderen Entscheidungen führen liegt in der Natur der Sache, jedoch sind andere Wahrnehmungen als die durch den Schiedsrichter festgestellte Tatsache, bereits in den Abschnitten 1 und 2 per Regeldefinition als "Falsch" ausgeschlossen worden.

Dem Regelgeber sind die Unzulänglichkeiten einer auf subjektiver Wahrnehmung beruhenden Tatsache durchaus bewusst, jedoch ist dies die einzig sinnvolle Konsequenz. Die Alternative würde dazu führen, dass bis heute noch nicht klar wäre, wer der Fußball Weltmeister von 1966 ist. Noch heute wird über die Spielsituation der 101. Spielminute kontrovers diskutiert.

4. Regelumsetzung

Nachdem die Tatsache festgestellt ist und eine Entscheidung getroffen wurde, jetzt nennt man es Tatsachenentscheidung, geht es jetzt nur noch darum, auf Basis der Entscheidung die Fußball-Regeln anzuwenden. Im Schiedsrichterdeutsch bedeutet dies entweder Weiterspielen oder Spielunterbrechung und Festlegung einer Spielfortsetzung (Freistoß, Eckstoß z.B.), eines Ortes für die Spielfortsetzung (dort wo der Ball hingelegt wird) und ggf. einer persönlichen Disziplinarstrafe für einen oder mehrere Spieler. Hierbei darf dem Schiedsrichter kein Fehler unterlaufen, denn das wäre dann ein Regelverstoß, der in einigen Fällen sogar zu einer Spielwiederholung führt.

Der Regelverstoß durch den Schiedsrichter.

Regelverstöße durch einen Schiedsrichter sind extrem selten und werden - gerade im Amateurfußball - oftmals auch nur von anderen Schiedsrichtern bemerkt. Ein Regelverstoß durch den Schiedsrichter liegt immer dann vor, wenn auf die festgestellte Tatsache eine falsche Regelableitung und/oder eine falsche Regelanwendung folgt.

Damit wird bereits die Schwierigkeit des Nachweises eines Regelverstoßes deutlich. Die durch einen Schiedsrichter festgestellte Tatsache lässt sich, so lange der Schiedsrichter diese nicht kommuniziert, in vielen Fällen nämlich nur durch Reengineering und Rückwärtsableitung der Fußball-Regeln herleiten. Dies führt aber nicht zwingend zu der durch den Schiedsrichter festgestellten Tatsache, sondern immer nur zu der Tatsache, die zur angewendeten Regel passt.

Beispiele, bei denen kein Regelverstoß des Schiedsrichters vorliegt:

  • Abseits nicht erkannt oder auf Abseits entscheiden obwohl kein Abseits vorlag: Kein Regelverstoß sondern Tatsachenfeststellung aufgrund anderer, ungenauer oder falscher Wahrnehmung. Dabei werden aber die Fußball-Regeln auf die Wahrnehmung korrekt angewendet.
  • Handspiel nicht gesehen: Kein Regelverstoß sondern keine Handspielentscheidung, weil Handspiel nicht wahrgenommen. Was der Schiedsrichter nicht wahrgenommen hat, hat nicht stattgefunden.
  • Handspiel gesehen, aber als nicht absichtlich bewertet: Kein Regelverstoß. Trotzdem der Schiedsrichter das Handspiel wahrgenommen hat beurteilte er dies als nicht Strafbar - Ermessensentscheidung, weil Handspiel nur strafbar, wenn es absichtlich ist. Über die Absicht entscheidet der Schiedsrichter.
  • Ball im Tor oder nicht? Kein Regelverstoß sondern Tatsachenfeststellung aufgrund anderer, ungenauer oder falscher Wahrnehmung. Dabei werden die Fußball-Regeln auf die Wahrnehmung aber korrekt angewendet.
  • Der berühmte "Ahlenfelder" ist im übrigen kurioser Weise kein Regelverstoß sondern sogar regelkonform. Das Regelwerk sagt hierzu explizit: Mit der Festlegung der Spielzeit stellt der Schiedsrichter eine Tatsache fest. Die disziplinare Würdigung des Schiedsrichters erfolgte durch den DFB nicht wegen der zu kurzen Spielzeit sondern wegen der Begleitumstände, die zu dieser Entscheidung führten.

Beispiele bei denen der Schiedsrichter einen Regelverstoß begeht:

  • Er lässt einen des Feldes verwiesenen Spieler wissentlich weiter am Spiel teilnehmen.
  • Verwechselung eines Spielers bei Disziplinarstrafen oder fehlerhafte Anwendung der Disziplinarstrafe. Beispiele: Gelb-Rot obwohl der Spieler noch kein Gelb hatte, zweite Gelbe anstatt Gelb-Rot, falscher Spieler erhält einen FaD nach glatt Rot oder durch Gelb-Rot. 
  • Obwohl der Ball an der Mittellinie ins Seitenaus geht, entscheidet er ohne einen anderen Grund auf Strafstoß anstatt auf Einwurf.
  • Bei einem Freistoß wird der Ball direkt ins eigene Tor geschossen, ohne dass ein anderer Spieler den Ball berührt und der Schiedsrichter entscheidet auf Tor.
  • Der Schiedsrichter lässt zur zweiten Halbzeit die falsche Mannschaft den Anstoß ausführen.
  • Der Schiedsrichter lässt zum Ende einer Spielperiode einen Strafstoß nicht mehr ausführen und beendet die Spielperiode.
  • Im Jugendfußball erteilt der Schiedsrichter einen Feldverweis nach gelb-roter Karte, obwohl diese nicht zulässig und statt dessen eine Zeitstrafe zu erteilen ist (Achtung: verbandspezifisch).
  • Der Schiedsrichter entscheidet auf Tor, obwohl der Ball nach seiner Wahrnehmung nicht im Tor war: Das ist schon etwas schwieriger, denn die Wahrnehmung eines Schiedsrichters spielt sich schließlich hinter der Stirn des Schiedsrichters ab. Obwohl sich die Gemüter bei den Bundesliga-Phantomtoren bereits beruhigt haben wird immer noch darüber diskutiert , ob es sich bei konkret diesen Entscheidungen um fehlerhafte Wahrnehmungen oder Regelverstöße handelte.

Beispiele für Regelverstöße, die der Schiedsrichter nicht zu verantworten hat:

  • Er lässt einen Spieler wissentlich am Spiel teilnehmen, obwohl dieser nicht spielberechtigt ist: Der Schiedsrichter darf keinen vom Spiel ausschließen. Für den Einsatz der Spieler sind ausschließlich die Mannschaften verantwortlich. Der Schiedsrichter vermerkt den Regelverstoß lediglich im Spielbericht.
  • Er lässt - wissentlich oder nicht wissentlich - eine Auswechselung zu obwohl das Wechselkontingent bereits erschöpft ist: Für die korrekte Anzahl der Auswechselvorgänge sind die Mannschaften verantwortlich. Der Schiedsrichter vermerkt den Regelverstoß lediglich im Spielbericht.
  • Es wird ohne Tornetze gespielt: Ein Kuriosum. Das Regelwerk des IFAB hat tatsächlich noch nie Tornetze vorgeschrieben. Lediglich in den Durchführungsbestimmungen der Fußballverbände wird vorgeschrieben für welche Spiele Tornetze zwingend erforderlich sind.

Was ändert der Videobeweis denn an diesen Ausfürungen?

Bemerkensewerter Weise eine ganze Menge und trotzdem überhaupt nichts.

Die Entscheidung eines Schiedsrichters ist erst dann endgültig, wenn das Spiel nach dieser Entscheidung fortgesetzt wurde. So lange das Spiel nach einer Unterbrechung noch nicht fortgesetzt ist, darf der Schiedsrichter jede seiner Entscheidungen korrigieren.

Der Schiedsrichter ändert seine Entscheidung immer dann,

  • wenn er selbst zu der Überzeugung gelangt, dass seine zuvor getroffene Entscheidung falsch war
  • wenn er einen Irrtum bemerkt oder durch einen seiner Assistenten darauf aufmerksam gemacht wird
  • wenn seine Wahrnehmung durch seinen Assistenten ergänzt wird und er dadurch zu einer anderen Tatsachenfeststellung kommt.

Bei den beiden letzten Punkten sind wir dann beim "Video Schiedsrichter" oder richtig beim VAR (Video Assistent Referee). Genau wie die beiden Schiedsrichter Assistenten auf dem Feld ist der VAR ebenfalls ein Schiedsrichter Assistent. Durch die technische Ausstattung des VAR hat dieser die Möglichkeit die Wahrnehmung des Schiedsrichter-Teams um ein Vielfaches zu erweitern. Der Entscheidungsprozess bleibt aber dennoch der gleiche.

Der VAR reduziert insgesamt die Wahrnehmungsfehler, weil er den Wahrnehmungsbereich und die Wahrnehmungsmöglichkeiten des Teams deutlich erweitert - dies darf man sehr wohl als Fortschritt bezeichnen. Im Bereich der Ermessensentscheidungen vermittelt die mediale Berichterstattung jedoch, dass die Diskussionen um Schiedsrichter Entscheidungen wohl nie aufhören werden.

Wann trifft denn jetzt der Schiedsrichter eine Fehlentscheidung?

Wer bis hierhin gekommen ist kann sich die Frage quasi selbst beantworten. Gar nicht!

  1. Entweder der Schiedsrichter trifft eine richtige Entscheidung auf Basis einer anderen oder fehlerhaften Wahrnehmung. Daran ändern im Übrigen auch zusätzliche Informationen durch einen VAR nichts, wenn die Videobilder nicht aussagekräftig genug sind oder der Vorgang auf Videobildern nicht verfügbar ist.
  2. Oder er begeht einen Regelverstoß

Im ersten Fall reden wir von einer Tatsachenentscheidung, im Zweiten kann es unter Umständen zu einer Spielwiederholung kommen, wenn der Regelverstoß Einfluss auf den Spielverlauf hatte.